Lübecker Nachrichten: Wie sehr darf und kann auch an Forschung und Lehre in Deutschland gespart werden?

Edelgard Bulmahn: Bei Bildung und Forschung zu sparen wäre töricht. Hier werden die Grundlagen für die Zukunft von Kindern und unserer ganzen Volkswirtschaft gelegt. Und andere Länder und Regionen schlafen nicht. Es ist inzwischen unbestritten, dass Investitionen in Bildung und Forschung das beste sind, was man tun kann, um Wohlstand zu sichern.

Lübecker Nachrichten: Sollte es angesichts des notwendigen Sparens im Bundesetat und in Länderetats gewisse Tabus geben?

Edelgard Bulmahn: Ja, die Zukunft darf nicht gestrichen werden. Andere OECD Staaten investieren sogar erheblich mehr in Bildung und Forschung. In Deutschland müssten jährlich rund 20 Mrd. Euro mehr in Bildung und Forschung investiert werden. Dieser Mut und diese Anstrengung sind politisch gefordert – gerade für unsere Kinder.
Für Schleswig-Holstein heißt das im Übrigen, dass sie die Hochschulbaufördermittel, die sie vom Bund für die Medizin erhalten haben, zurück zahlen müssen – ich glaube, da hat jemand schlecht gerechnet!

Lübecker Nachrichten: Wie beurteilen Sie die Situation in Schleswig-Holstein resp. die Pläne, so weit Ihnen bekannt?

Edelgard Bulmahn: Niemand, der sich ein wenig in der Hochschullandschaft auskennt, versteht die Entscheidung der Landesregierung. Die Lübecker Medizin hat bundesweit wie auch international einen guten Ruf.
Sie gehört zu den leistungsstarken medizinischen Fakultäten in unserem Land – das zeigt nicht zuletzt die Tatsache, dass sie ein Exzellenzcluster gewonnen hat. Ich hatte als Bundesministerin ja die Exzellenzinitiative auf den Weg gebracht, um solchen exzellenten Forschungszentren auch eine Entwicklungsperspektive zu geben. Zudem werden die Studienplätze dringend benötigt. Ich fürchte, dass allein die Debatte um eine Schließung zu einem Exodus von hervorragenden Wissenschaftlern führen wird – wissenschaftspolitisch ein Desaster für Schleswig-Holstein.
Auch wirtschaftspolitisch halte ich die Entscheidung für töricht. Lübeck und Schleswig-Holstein sind ein anerkannter Standort für die Medizintechnik, im Übrigen auch mit kräftiger Unterstützung meines ehemaligen Ministeriums. Wenn die Medizin geschlossen wird, wird jahrelange erfolgreiche Arbeit zerstört. Auch das industrielle Umfeld wird erschüttert. Dabei hat die deutsche Medizintechnik auch international sich hervorragend behauptet. Die Medizintechnik ist eine Branche mit Zukunft. Deshalb wird nicht nur Lübeck Schaden nehmen, sondern ganz Schleswig-Holstein.