Interview mit "politik direkt", der Wahlkreiszeitung von Uwe Beckmeyer, MdB

politik direkt: Diskreditiert der Fall zu Guttenberg den Wissenschaftsstandort Deutschland?

Edelgard Bulmahn: Zum Glück nicht, denn es war die Wissenschaft selbst, die die schweren Verfehlungen des Barons zu Guttenberg entdeckt hat. Auch hat es die Öffentlichkeit der Bundeskanzlerin nicht durchgehen lassen, Betrug und Plagiat als Kavaliersdelikt hinzunehmen. Es kommt jetzt allerdings darauf an, dass die Universität Bayreuth den Fall aufklärt und die entsprechenden Konsequenzen zieht.

politik direkt: Welche Rolle haben die Proteste der Wissenschaftler bei dem Rücktritt gespielt?

Edelgard Bulmahn: Ohne die eindeutige und klare Positionierung der Wissenschaft würde zu Guttenberg weiter das Unschuldslamm spielen. Sie, die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler waren die eigentlich Betroffenen und nicht der frühere Bundesminister. Für sie stand mehr auf dem Spiel als ein paar Fußnoten, nicht kenntlich gemachte Zitate oder ein abstrakter Ehrenkodex. Wissenschaft gründet auf Transparenz und Nachvollziehbarkeit. Wer dies in Frage stellt, rüttelt an einem Grundpfeiler wissenschaftlichen Selbstverständnisses. Das haben die zigtausend jungen Doktoranden in ihrem offenen Brief an die Bundeskanzlerin zurecht sehr deutlich gemacht.

politik direkt: Während der Ärger unter Wissenschaftlern groß war, haben viele Bürgerinnen und Bürger bis zuletzt an zu Guttenberg festgehalten. Woran liegt es, dass die Meinungen so weit auseinanderklaffen?

Edelgard Bulmahn: Manche Bürgerinnen und Bürger haben die Tragweite und die Schwere des Vergehen zu Gutenbergs nicht erkannt. Für sie war es so etwas wie eine Schummelei in der Schule. Für die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ging es um Grundsätzliches. Dies zeigt, dass Wissenschaft und Forschung sich nicht im Elfenbeinturm verstecken dürfen. Sie müssen sich verständlich machen und ihre Arbeitsweisen und Erkenntnisse für alle nachvollziehbar darstellen. Mit den von mir 2000 initiierten Wissenschaftsjahren und den daraus folgenden vielen Aktivitäten von Hochschulen und Forschungseinrichtungen, Beförderung des Dialogs zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit sind wir hierbei ein gutes Stück vorangekommen. Aber, dies zeigt auch die Affäre zu Guttenberg, wir müssen weiter daran arbeiten.

politik direkt: Es bleiben offene Fragen hinsichtlich der wissenschaftsinternen Qualitätssicherung – was muss sich ändern?

Edelgard Bulmahn: Die Qualitätssicherung in der deutschen Wissenschaft ist international hoch anerkannt. Wir beschädigen dieses Ansehen, wenn wir die geltenden wissenschaftlichen Standards in Frage stellen und Fehlverhalten verharmlosen. Es ist Aufgabe der Wissenschaft, die Einhaltung der geltenden Regeln konsequent einzufordern und jede Missachtung zu verfolgen. Die Wissenschaftsorganisationen haben erkannt, dass sie hier entschlossener vorgehen müssen als früher, und handeln auch danach. Dazu aber braucht es auch die Unterstützung der Politik und diese fehlte seitens der Bundeskanzlerin. Die Debatte muss offen und vor allem auch unabhängig von prominenten Einzelfällen geführt werden. Das ist bisher nicht ausreichend geschehen.

politik direkt: Wie wichtig war es für Wissenschaft und Forschung, dass zu Guttenberg nicht „mit einem blauen Auge“ davon kommt?

Edelgard Bulmahn: Wissenschaftliches Arbeiten unterliegt allgemein gültigen Standards, die ohne Ansicht der Person für jeden gelten müssen. Wer in weiten Teilen seiner Arbeit die Ideen und Ausarbeitungen anderer übernimmt, ohne dies zu kennzeichnen, begeht kein Kavaliersdelikt. Er betrügt und gefährdet wissenschaftliche Transparenz und Unabhängigkeit. Wer wie Herr zu Guttenberg eine Sonderbehandlung erwartet und sich so lange an seine politischen Ämter klammert, verhöhnt all diejenigen, die auf ehrliche Art und Weise ihren Doktortitel erworben haben und erwerben.

politik direkt: Welche Folgen wird der Fall zu Guttenberg für die Politik insgesamt haben?

Edelgard Bulmahn: Herr zu Guttenberg war vor allem eins, ein Selbstdarsteller in eigener Sache. Er hat sich als Popstar inszeniert und als solchen haben ihn große Teile der Bevölkerung gesehen. Popstars und Idolen lässt man manches durchgehen. Politik ist jedoch kein Showgeschäft, keine beliebige Unterhaltung. Es geht um Inhalte, um Werte, um die Frage wie Menschen zusammen leben, um Konflikte und Interessensausgleich, um Glaubwürdigkeit und Verantwortung. Und zu Guttenberg hat der Politik in diesem Sinne schweren Schaden zugefügt. Es kommt jetzt darauf an mit Gradlinigkeit, Klarheit und Verlässlichkeit Vertrauen zurück zu gewinnen.